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Leben auf
Kredit
Zum Tod von Krystyna Zywulska
"Es ist, als ginge ein ganz junger Mensch von uns", sagt

eine Bekannte zu mir am Grab. Und wirklich gibt es kaum einen, der
nicht noch einmal über ihr Lachen spricht, wie gern hat sie gelacht,
wie viele Witze hat sie gemacht, wie gern hat sie gesungen und wie
schön. Auch Nazim Hikmet, ihr Freund, hatte sie mit diesem Lachen
kennen gelernt an einem Sommertag in Polen, aber dann hat er immer
nur auf ihren Arm gestarrt, auf die Zahl mit den fünf Ziffern,
das Brandmal aus Auschwitz. "Sie benahm sich so, als ob sie es
gar nicht bemerke …", schrieb er in dem Vorwort zur russischen
Ausgabe ihres Buches Ich habe Auschwitz überlebt;
unter diesem Titel war es in Polen bereits erschienen (deutsch: Wo
vorher Birken waren – Überlebensbericht einer jungen Frau
aus Auschwitz, Darmstadt, 1980).
In Polen schrieb sie Satiren für das Kabarett, für die Bühne,
den Rundfunk, Liedtexte, Operetten, Kinderbücher, Drehbücher,
Sketche, Kritiken, Essays. Das hat verwundert, vielleicht auch erleichtert,
denn woher nahm sie die Kraft, sie hatte zehn Meter neben den Krematorien
als politischer Häftling überlebt und zigtausende an sich
vorbei in den Tod ziehen sehen. Dass es ihr gelungen war, die Deutschen
glauben zu machen, keine Jüdin zu sein, war dabei nur ein Glied
in der Kette von Wundern und Zufällen, die ihr das Leben retteten,
immer wieder neu.
Vergessen oder hinter sich gelassen hat sie all diese Erlebnisse nie,
wie sie im Vorwort zu dem 1988 erschienenen Satireband Zu Ehren
der Familie schrieb, "…denn die Wirklichkeit von
Auschwitz überschreitet jede Vorstellung. Sie hat in anderen Dimensionen
stattgefunden und steht in keinem Verhältnis zu dem so genannten
Alltag." Dennoch hat sie sie zu schildern vermocht, wie später
auch die Schrecken des Ghettos in ihrem 1962 in Polen veröffentlichtem
Roman nach authentischen Erlebnissen Leeres Wasser. Beide
Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt, unter anderem
ins Englische, Französische, Tschechische, Italienische, Russische
und Japanische.
Während sie ihr Buch über Auschwitz als bloßen Bericht
schrieb, unmittelbar nach Kriegsende und im festen Glauben, die einzige
zu sein, die den Evakuierungsmarsch überlebt hatte, hat sie ihr
Ghettobuch bewusster gestaltet mit einem dramaturgischen Konzept, mit
ausgefeilter Sprache und mit einem Ziel: Sie wollte nicht nur berichten,
sie wollte zum Nachdenken zwingen. Dennoch ähneln sich die Bücher,
sie erzählen episodenhaft mit schlichter Sprache, die nichts interpretiert,
nichts begründet, nichts erklärt, die nur wiedergibt, was
war. Sie zwingt mitzugehen an die Orte des Grauens. Man liest atemlos,
und man kommt verändert wieder heraus.
Darum waren Krystynas Lesungen in Schulen so "erfolgreich",
es wurden nicht Bilder von Leichenbergen gezeigt, bei denen man sich
innerlich verweigern und schützen muss, es wurden Menschen gezeigt.
So erst kann man Geschichte "verstehen" und aus ihr lernen.
Dabei war sie in ihren Beschreibungen ohne Nachsicht für sich
selbst wie auch für andere, aber man verstand warum, "…denn
die Angst, die grenzenlose Angst – führt nämlich in
den moralischen Abgrund" (aus ihrem Vorwort zu Leeres
Wasser). Und das verständlich zu machen, war Krystyna Zywulskas
großer Verdienst. Heinrich Böll schrieb, dass er die menschliche
Verstrickung dieser Situation auf eine Weise bei ihr ausgedrückt
sah, wie er sie noch nicht erfahren hatte.
Auch in ihren Satiren stand der einzelne Mensch im Mittelpunkt mit
seinen Freuden und Nöten, und man fühlte sich fast immer
selbst ertappt. In Polen waren sie allerdings noch mehr, sie übten
deutlich Kritik am herrschenden System und manchmal alles andere als
versteckt. In Deutschland fehlte Krystyna Zywulska dafür der Boden,
ihre Talente lagen brach, ihre Bücher erschienen spät und
leider nicht sorgfältig übersetzt, sie hätten dennoch
mehr Beachtung verdient und verdienen sie noch immer.
Sie begann zu malen. Wie oft hieß ein Bild Karneval und
war ein Haufen seltsamer, skurriler Wesen, die am Ende des Blattes
aufliefen, dort wo es nicht mehr weiterging.
Ihr Schicksal war eben auch das der Emigrantin, 1969 musste sie Polen
wie viele Juden (etwa 30.000) verlassen, aufgrund des politisch motivierten
Antisemitismus, und sie legte Wert darauf, es so zu sagen, weil ihr
die Liebe zu Polen und seinen Menschen blieb.
Krystyna Zywulska hat viele Leben gelebt und längst nicht alles
in ihren Büchern erzählt. Sie hatte viele Freunde, die sammelten
sich wie Geschichten um sie her. Unruhig war sie, voll Neugierde, nichts
auslassen, lieben, leiden, arbeiten und dazu fast ein irrwitziger Glaube
an das Glück. Sie gab unzähligen Menschen genau das Gegenteil
von dem, was sie selbst erfahren hatte: Kraft, Mut, Zuversicht und
oft auch diesen alles etwas belächelnden Blick, mit dem es eben
einfach leichter geht.
"Sei also nicht traurig", sagte Elzbieta, ihre Freundin
aus Auschwitz, zu mir am Grab, "wir haben doch eh nur auf Kredit
gelebt."
Krystyna Zywulska hat ihn genutzt, doch haben wir es auch getan?
Erschienen in NRW literarisch, Heft 6, 2. Jahrgang 1992
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