Es gibt Aufgaben, die kann man sich nicht aussuchen.
Krystyna war so eine für mich.
Allein, wie lange es gedauert hat, bis ich wusste, wann sie geboren war und wie sie wirklich hieß. Sie hieß Sophie, Sophie Landau. Krystyna Zywulska war ihr Über-lebensname. Es war merkwürdig, als wir zusammen im Kino saßen und William Styrons verfilmten Roman Sophies Entscheidung sahen. Die Hauptfigur hieß wie sie und war ebenfalls aus Lodz. Krystyna war begeistert, so hart es für sie war, die Szenen, die in Auschwitz spielten, anzusehen, Meryl Streep war auch das gelungen. Allein, wie sie geht, sagte sie, genau so sind wir gegangen.
Neulich sah ich ein Interview mit Meryl Streep, in dem sie sich erinnerte, wie sie diesen Gang sich ausgedacht und antrainiert hat. Es war ja oftmals alles Matsch, sie ging nicht schleppend, sie stakste, o-beinig, wankend, genau so, dass man keinen Schritt zu viel machte: Kraft sparen, überleben.
Krystynas Bericht Wo vorher Birken waren war das allererste Buch über Auschwitz, sie hatte es unmittelbar nach der Befreiung geschrieben. Das Exemplar, das in meinem Roman Krystyna nachts von der Sessellehne fällt mit der Stirnseite nach unten, ist heute, 50 Jahre danach, in meinem Besitz. Ich hüte es wie einen Schatz. Während ihr Bericht weltweit übersetzt wurde, wurde er in Deutschland erst sehr spät veröffentlicht. Das Buch erschien dann zusammen mit ihren Erinnerungen an das Ghetto Leeres Wasser unter dem Titel Tanz, Mädchen bei dtv, auch dieses Buch wurde trotz meiner Bemühungen leider nicht mehr aufgelegt. In Polen aber und auch in den USA gibt es die Bücher jetzt wieder, ebenso in Frankreich und Japan.
Ich habe sehr viel Literatur über den Holocaust gelesen, Krystynas Bücher haben mich am meisten erschüttert, sie hat nichts beschönigt, gar nichts. Am meisten hat sich mir die Szene in Auschwitz eingebrannt, als das Lager noch ganz voll war und sie nachts neben einem Leichenberg vor der Krankenstation etwas Kleines sich bewegen sah. Es war ein Kind, es nuckelte am Daumen einer Leiche.

Krystyna starb im Jahr 1992. Den Nachruf, den ich ihr widmete, kann man unter Artikel nachlesen. Ich brauchte danach noch vier weitere Jahre, um das Buch schreiben zu können. Insgesamt habe ich über 10 Jahre hinweg daran gearbeitet.
Heute, da die Shoah zunehmend fiktionalisiert wird, was, nachdem die letzten Zeugen nun sterben, zu erwarten war, hätte man diesen Stoff vielleicht auch anders schreiben können. Ich habe jedenfalls nicht auch von mir in diesem Buch erzählt, weil ich mich hinein drängen wollte oder gar wichtig tun. Im Gegenteil: so zu tun, als könne man diese Lebens-
geschichte als allwissender Erzähler wiedergeben, dieser Gestus schien mir falsch.
Wieso Krystyna so markerschütternd lachen konnte, ich weiß es bis heute nicht.
Aber eines weiß ich: so lacht die Hoffnung. Es gibt keinen größeren Trost.