Manchmal haben Bücher selbst eine ganz eigene Geschichte,
ich habe das schon mit meinem ersten Roman Die liebe Angst erlebt, ein Buch, das eine ganze Bewegung begleitet hat.
Narren des Glücks hat eine andere Geschichte. Das so genannte Hochfeuilleton hat – gelinde gesagt – dieses Buch überhaupt nicht gemocht. Sie finden Zitate dieser Besprechungen nicht auf meiner Website, sie sind im Web nachzulesen. Die Aggressivität dieser Artikel hat nicht nur mich schockiert und nachhaltig verwundert, sie hat auch die positiven Besprechungen, die Sie auf dieser Seite in kurzen Auszügen sehen, nahezu ausgehebelt.
Für ein Buch hat das fatale Folgen, nicht nur Lesungen bleiben aus, es verschwindet ganz einfach, und zwar noch schneller als gewohnt aus den Buchhandlungen. Und der kleine Kreis der etablierten Literaturvermittler weiß: Hier lang geht es nicht.
So geschah es auch mit Narren des Glücks, es wirkte wie zerstört. Haarsträubend beliebig zusammengestellte Rumpfzitate aus dem Roman, das Urteil "gebürstetes Kunsthandwerk" geschrieben zu haben, was auch immer das sein soll, und vor allem der Vorwurf, die Autorin habe sich zu weit vor gewagt und möge doch bitte keine philosophischen Erkenntnisse präsentieren, sondern artig an dem, was ihr zusteht schreiben, der eigenen Familiengeschichte nämlich, … es schien als hätten all diese schon nicht mehr als Kritiken zu bezeichnenden Pamphlete das Buch verstummen lassen.
Doch wie im Roman selbst, fing das eigentliche Leben erst nach dem Untergang an. Die Nachtmeerfahrt wie C.G. Jung es nennt, um die es ja in diesem Roman vorrangig geht, muss wohl erst abgeschlossen sein, bevor die Wirkung einsetzt.
Es war – wie der Held des Romans - ein Psychiater, der mich darauf hinwies, dass dieser Roman ungeheuer provoziert. Zu fragen, wer in einer Gesellschaft die eigentlichen Verrückten sind, die Kranken oder wir, geziemt sich anscheinend immer noch nicht.
Die Veranstaltung mit Prof. Frank Matakas, der übrigens wie der Romanheld der Meinung ist, dass die Basis für Heilung ganz simpel Liebe ist und menschliche Nähe, diese Veranstaltung auf dem Literaturfest LitCologne war als eine der allerersten ausverkauft. Die Frage nach Genie und Wahnsinn, nach den Grenzen von Krankheit und Gesundheit, interessierte anscheinend doch. Ebenso verhielt es sich mit der Veranstaltung bei der Literatur in den Häusern in Köln, einer Initiative des Kunstsalon e.V., jenseits der strengen Ausrichtung am vom Literaturbetrieb Abgesegneten. Die Lesung vor den Mitarbeitern einer der weltweit größten Werbeagenturen, Tillmanns, Ogilvy & Mather, gestaltete sich ebenfalls für alle zu einem höchst inspirierenden Abend und das bei Menschen, die doch am Zeitgeist ganz nah dran sein müssen, an dem, was ich angeblich verfehlt hatte. Das waren schöne, aber immer noch Tröstungen, dennoch, seitdem lebt das Buch, und es hat mir Begegnungen verschafft, für die ich für immer dankbar bin. Christina Kessler, Anne Devillard, Matthia Dornier, Nomi Baumgartl, Arnhild Köpcke, die Windhorse-Gruppe Wien, die sich für die Reintegration Geisteskranker einsetzt, die Aktion Lebensqualität e.V., München sind einige davon.
Zu merken, dass ein Buch, nicht nur ankommt, sondern etwas bewirkt - und dass Kunst und Literatur genau dafür da sind, zu wirken, das glaube ich nach wie vor und zwar auf einem Feld, auf dem nichts anderes so wie eben sie nur wirken kann - dies zu merken ist wundervoll. Fruchtbare Kontroversen schließt das durchaus ein.
Seit einiger Zeit zieht das Buch seine Kreise, ich bekomme immer wieder Post von Menschen, die aufgrund des Romans an den Lago Maggiore fahren, sie setzen sich in Ronco auf das Mäuerchen an der Kirche und denken über die verrückte Russin nach…
Ich danke den Lesern und allen, die es weiter reichen.

Und manchmal passiert es dann, dass Personen und Ereignisse, die man erfunden hat, plötzlich ins Leben treten:

Dort, wo dieser Roman endet, so habe ich erst später durch einen Leser erfahren, hat tatsächlich ein unkonventioneller, dennoch in der Fachwelt hoch angesehener Psychiater gelebt, namens Edward Podvoll. Auf Deutsch gibt es, so viel ich weiß, nur ein Buch von ihm: Aus entrückten Welten, (Ariston Verlag). Zum Teil hat Podvoll, ob bewusst oder nicht, das aufgenommen, was die Person, die dem Romanhelden Nemezci als Vorlage diente, nämlich Sándor Ferenczi, entwickelt hat: Gegen seinen Ziehvater Freud (ein Verhältnis, an dem Ferenczi letztlich zugrunde ging) setzte er eine Therapie der Mitmenschlichkeit, man muss sagen, der Liebe, ein.
Sándor Ferenczis klinisches Tagebuch, Ohne Sympathie keine Heilung, gehört zu den interessantesten, aufregendsten Lektüren zum Thema Psychoanalyse und Heilung, die ich kenne, ein großes menschliches Dokument.
Edward Podvoll ergänzte die Therapie durch Erkenntnisse der östlichen Weisheitstradition, er starb vor einigen Jahren als buddhistischer Lama in Frankreich.
Podvoll wirkte am Naropa Institut in Boulder Colorado, dort wo heute auch Ken Wilber lehrt. Die Begegnung mit ihm und seiner integralen Philosophie war die nächste große Entdeckung für mich. Man kann viele Einwände gegen Wilber vorbringen, aber er hat schon jetzt unser westliches Denken revolutioniert. Während sich in den USA immer mehr auf ihn beziehen, z. B. Bill Clinton, muss er bei uns wohl doch erst noch entdeckt werden. In Deutschland erweitert Christina Kessler diesen Ansatz durch ihre Philosophie gelebter Liebe, Sándor Ferenczi hätte seine helle Freude daran.

Und dann ist mir auch noch die Geliebte des Inselbesitzers Max Emden, alias Max Ulrich Bernheim "begegnet". Die Freundin dieser Frau, deren Nacktfotos aus den 20er Jahren noch heute so manche Tourismusbroschüre Asconas und des Lago Maggiore zieren, bat mich nach einer Lesung in Ascona zum Tee. Sie überließ mir den Nachlass jener Frau, die als Würstchen bekannt wurde, weil sie angeblich so fröhlich wie ein Hanswurst war. Doch auf den Fotos, sagte jene Freundin, sieht sie immer traurig aus. Die Teetassen waren aus dem Besitz Max Emdens, und es wehte ein wenig Wind aus der großen Zeit der kleinen Inseln herüber.
Die Fotos sind nun in meinen Besitz übergegangen, die Geschichte von Würstchen harrt noch des Geschriebenwerdens.