









 |






 |

Irgendwann
kam ein Anruf aus Hongkong: Er habe fünf Hotels, sagte er, er sei
reich geworden. Meine Mutter legte den Hörer auf und lachte laut.
Das war das letzte Mal, dass wir etwas von meinem Vater gehört hatten.
Was macht man mit einem Vater, der verschwunden ist? Der sich im Dunst
der Lügen und Erfindungen, im Nebel der eigenen Geschichten aufgelöst
hat? In Hongkong gab es keinen Günther Andreas Johannes Dirks, auch
unter den anderen Namen, die er benutzt hatte, ließ sich der deutsche
Koch dort nicht finden. Ich hätte durchaus gerne ein Hotel geerbt,
aber das war nicht der einzige Grund, warum ich anfing ihn zu suchen.
Er beschäftigte mich. Was war aus ihm geworden, wie ist er alt
geworden, wie lebt man mit so einem Leben, nach all den Exzessen, nach
dem Suff, nach all dem Sex, nach dem Gefängnis, nach den Frauen,
die man hatte, den Männern und den Kindern, wie lebt man da? Hatte
er immer noch diese Sehnsucht, die ihn ja merkwürdigerweise am meisten
antrieb, die Sehnsucht, rein zu sein? Erlöst zu werden?
Und weiß man das überhaupt, dass hinter der Tatsache, sich
mit dem größten Dreck voll zu stopfen - und Übermaß ist
immer Dreck - die Sehnsucht nach Reinheit steht, nach dem genauen Gegenteil,
die Sehnsucht sich aufzulösen, die Grenze zu überschreiten,
erlöst zu werden von der Form, in der man steckt und der man nicht
entkommen kann, obwohl sie so viel Schmerz bereitet.
Es kann durchaus sein, dass diese Erkenntnis, die ich schon als Kind
gewonnen habe, mir das Leben gerettet hat.
Wie kommt es dazu, was sind das für Kräfte, die aus einem
sinnlichen, schönen, begabten jungen Mann einen Verbrecher machen?
Und noch etwas anderes hat mich bewegt: wir können an den Taten
nichts ändern, wenn wir immer nur die Opfer verstehen.
So fing ich an, die Geschichte meines Vaters zu recherchieren, es war
eine abenteuerliche Reise, die mir Aspekte meiner eigenen Familie offenbarte,
die ich bis heute zum Teil noch nicht verarbeitet habe, weil sie neu
und fremd sind.
Aus dem eigenen Vater wurde eine Figur: little Günther.
Ich habe ihn gerne, den kleinen Jungen, der an der Hand des schönen
karibischen Kindermädchens durch das Hamburg der 20erJahre läuft,
im elterlichen Salon zuguckt, wie den reichen Herrschaften die Haut
gepflegt wird, der den von einer Gasexplosion zerfetzten Körper
des Onkels betrachten muss, der die Mutter des nachts ihre Cremes rühren
sieht und den Vater im Bordell weiß.
Koch will er werden und in den Krieg muss er ziehen, die Welt will
er bereisen, raus will er, raus aufs Meer und doch ist das Herz dabei
so eng, nie will es richtig aufgehen. Ich hab ihn gern. Schreibend
habe ich ihn verlassen.
|




 |