Nun ist es über 20 Jahre her, dass ich dieses Buch geschrieben habe.
Viele wissen es: es ist zu einer Art Standardwerk geworden, und es hat eine ganze Bewegung begleitet. Kaum eine Selbsthilfegruppe, deren Mitglieder sich damals nicht aus dem Roman vorlasen, kaum ein Sachbuch über sexuellen Missbrauch, das nicht aus diesem Buch zitiert.
Ich habe unzählige Lesungen gemacht, anfangs war das aufregend und schwierig. Das "Thema" war keineswegs so vertraut wie heute, Reden war schwer und Vorlesen auch. Tatsächlich war Die liebe Angst der erste Roman, der aus der Sicht des Kindes vom Missbrauch durch den Vater erzählt hat, aber in Wahrheit eben noch viel mehr. Mir ging es darum die Abhängigkeit der Kinder zu zeigen, ihre unerbittliche Liebe und ihre immense Kraft. Ihr Festhalten am Kindseinwollen, das kennen nahezu alle Menschen, nicht nur die so genannten Opfer, und deshalb sprach und spricht die Geschichte der kleinen Anne immer noch so viele Leser an. Dennoch, damals bei den Lesungen fingen Frauen zu weinen an, einmal lief ein junger Mann raus – es ist keineswegs nur ein Mädchenthema – und ich konnte ihm nicht nachlaufen. Es wurden Ausstellungen mit Lesungen aus diesem Buch eröffnet und Seminare abgehalten, einmal weinte der Bürgermeister einer kleinen Stadt, er stand auf und sagte, "jetzt kriegen wir ein Mädchenhaus" und so ist es auch geschehen.
Auch die Gegenbewegung habe ich erlebt, als zu viel und zu schnell aufgedeckt wurde, tatsächlich wurden im Eifer Fehler begangen, aber an der Zahl der zurecht aufgedeckten Fälle gemessen, war die der Fehler nicht nur klein, sie war winzig!
Noch heute bekomme ich Post von Betroffenen, sie schreiben mir, dass sie froh sind, ihre Kindheit nicht ganz und gar verurteilen und vergessen zu müssen, dass es auch schöne Dinge gab und dass sie diese behalten dürfen, das macht es nicht ganz so schwer.
Nach 1989 erlebte ich erneut eine Welle der Aufklärung, nun bereiste ich die ehemalige DDR mit der von unserer damaligen Familienministerin Angela Merkel initiierten Kampagne Keine Gewalt gegen Kinder. In der DDR hatte man den Frauen und Kindern stets schnell geholfen, allerdings: geredet darüber wurde nicht. Und so brach nun auch hier geradezu eine Woge von Schmerz auf, und wieder wurde das schmale Büchlein von Hand zu Hand gereicht. Meine Kollegin Katja Lange-Müller erzählte mir, dass sie es als Raubdruck gelesen hatte.
Gemessen an diesen Wellen einer Bewegung ist es heute geradezu still geworden um das "Thema". Ein paar intellektuelle Zyniker machen sich immer mal wieder drüber lustig, die Artikel in den Zeitungen berichten von noch viel schrecklicheren Taten, verwahrloste, verhungerte, gefolterte Kinder; kindliche Pop-, Sex- und Mode-Ikonen sind salonfähig geworden, die Übergänge von frei ausgeübter zu erzwungener Sexualität sind fließender. Am Leid derer, deren kindliche Liebe ausgenutzt wird, ändert das nichts. Es sind auch Männer, denen es widerfahren ist, darauf möchte ich immer wieder hinweisen. Menschen, denen als Kind ihr Leuchten genommen wurde, brauchen oft ein Leben lang so unendlich viel Kraft, allein, um sich aufrecht zu erhalten. Eine Gesellschaft, die sich das leistet, ist nicht nur lieblos, sie ist letztendlich auch dumm.
Zum Glück gibt es viele, die das nicht ertragen.
Im Frühjahr 2007 wird Die liebe Angst als KiWi-Paperback neu aufgelegt.