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„Die Geschichte seines Lebens schreiben“, Liane Dirks im 
Gespräch
mit Anne Devillard, Natur & Heilen, 6/2007
www.natur-und-heilen.de
Liane
Dirks, in: Marita Loosen: "Schulweggeschichten. Eine Spurensuche",
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2003.
Liane Dirks im Gespräch mit Astrid Harms-Linner, alpha-forum, BR
alpha, der Bildungskanal des Bayrischen Fernsehens, Sendetag 28.02.2005,
20.05 Uhr, 55 Minuten
http://www.br-online.de/alpha/forum/vor0502
Denis Scheck im Gespräch mit Liane Dirks über ihren Roman "Narren
des Glücks", ARD, Sonntag 12.09.2004
http://www.daserste.de/druckfrisch/thema
"Verirrung der Gefühle"
Interview mit der Schriftstellerin Liane Dirks
In: Einblick, Köln, Mai 2002.
Frau Dirks, Ihr neuer Roman "Vier Arten meinen Vater zu beerdigen",
ist er im Wesentlichen biographisch?
Ja. Und ich habe natürlich unheimlich viel recherchiert, um diese
Geschichte erzählen zu können, weil ich überhaupt keinen
Kontakt mehr hatte; ich musste ja alles irgendwie herausfinden. Wie ist
Günther Dirks denn eigentlich aufgewachsen? Natürlich weiß ich
nicht, was er geträumt hat, als er zwölf war.
Günther Dirks ist Ihr Vater?
Er ist mein Vater. Ich habe gedacht, sein Leben ist so skurril: Wo er
aufwächst, dieser Schönheitssalon, diese Sinnesreize, von denen
er ständig umgeben ist; gleichzeitig ist er aber eine Bursche, der
nicht berührt wird von der Mutter. Das Ganze eingebettet in eine
Zeitgeschichte, die man so nie beschrieben sieht. Ich hatte zum Beispiel
ganz viel Mühe, einfache Sachen herauszufinden, etwa wie die gegessen
haben im Krieg, wer den Soldaten das Essen gebracht hat. Sie finden nur
permanent Berichte, wie wir sie kennen, etwa von Guido Knopp, Hitlers
Helfer et cetera. Aber dieser Alltag, was es eigentlich an Leben gab,
das alles habe ich rausgesucht. Und dann hatte ich den Ansatz, seinen
Namen zu belassen – andere Namen habe ich verändert, denn
man kann natürlich herausfinden, wer da drum herum war, aber von
den Betroffenen, die man vielleicht anklagen möchte – obwohl
es ja keine Anklage ist –, lebt halt keiner mehr.
Haben Sie nie ein Pseudonym in Erwägung gezogen?
Es ist mit so viel Realität vorgetragen, dass es einfach absurd
wäre, wenn ich ihn Meier genannt hätte. Außerdem ist
es auch meine Auffassung von Literatur im Moment, dass wir immer mehr
eine Verschiebung von Realität und Fiktion erleben. Michel Houellebecq
nennt in seinem neuen Roman "Plattform" auch die wirklichen
Namen der Tourismus-Firmen, die darin vorkommen und angeschuldigt werden.
Ich war also der Überzeugung, mein "Held" soll benannt
werden als der, der er war. Das ist ein Teilaspekt des Buches.
Eine Entblößung ist es ja auch, und ich denke, er wird entblößt
auf eine Art, die ihn vielleicht irgendwie menschlich zugänglich
macht – nicht, dass man ihn verstehen könnte, das kann man
nicht verstehen, davon bin ich fest überzeugt. Aber er bekommt Facetten
in seinem Leben, an denen man merkt: der ist auch nicht als Baby auf
die Welt gekommen und hatte auf der Stirn ein Schild "Kinderschänder" kleben.
Aber es gab wohl Anzeichen, dass er sich nicht "normal" entwickeln
konnte.
Er hat ja auch einen Bruder, der so ein richtiger Junge wird, und er
ist dagegen so mädchenhaft, wird als Kind schon mit ins Bordell
genommen, er lernt dieses ganze fragwürdige Milieu kennen, hat einen
Vater, der trinkt, und nach außen wird der bürgerlich hanseatische
Schein gewahrt, in einer Welt, die sich vermeintlich offen gibt, das
hat eine gewisse Ähnlichkeit mit der Gegenwart. Ich war völlig
verblüfft, diese 20er Jahre, wie ähnlich die unserer Zeit heute
sind, die Freikörperkultur, lustige Details, die bis zum kussfesten
Schminkstift reichen.
Als ihr Vater gestorben war, fordert Emily, die Schwester des Kindermädchens
Ihres Vaters, sie auf: "Tell his story!" Welche Motivation
hatten Sie außerdem, diese krasse Geschichte zu Papier zu bringen?
Ich hatte ja debütiert mit dem Buch "Die liebe Angst",
in dem aus Kindersicht 1986 zum ersten Mal beschrieben wurde, was Missbrauch
wirklich bedeutet, und da wurde ich immer aufgefordert, weiter zu schreiben,
wozu ich überhaupt keine Lust hatte. Aber dann hat mich diese ganze
Bewegung, haben mich diese Selbsthilfegruppen sehr berührt.
Das hat alles seine Berechtigung, aber schon bei der Frage, wie man eigentlich
mit solch einem Schicksal fertig wird, stößt man schnell an
Grenzen. Und die Antwort der Kinderfrau, diese vier Arten, die haben
etwas Ritualhaftes, das ist nicht mehr Psychologie, das ist nicht mehr "verstehen",
das ist nicht mehr "ach, du musst verzeihen, dann bist du frei".
Ich glaube, dass das nie ganz hilft. Aber noch mal die völlige Aneignung
dieser Person und dadurch die Überwindung. Da habe ich gedacht,
ich möchte erzählen, dass man wirklich wegkommen kann von so
etwas. Das ist dann wie ein Paket, das man wegstellen kann, dann steht
er wirklich im Regal: Körperlich wird er noch mal angeguckt, beerdigt
wird er, wird verbrannt, die Asche ausgekippt, und die Geschichte ist
erzählt, und dann ist man frei! Ich glaube, dass es auch für
unsere Gesellschaft wichtig ist, Rituale wieder zu finden, um etwas abschließen
zu können: Das hat man jetzt gemacht, und dann muss man das eigene
Leben leben.
Welche Reaktionen gab es auf das Buch?
Die witzigste Reaktion war kürzlich, als mich jemand unter einem
Vorwand fragte, warum im Titel kein Komma sei, die zweite Frage war,
warum ich dieses und jenes geschrieben hätte, aber dann kam die
eigentliche Frage: ob es die Penisprothese tatsächlich gäbe
und wo man die bekäme …
Ein Mann natürlich!
…
Eine Frau! Ich habe ihr gesagt, sie soll zum Urologen gehen und sich
dort erkundigen, falls sie das für ihren Mann haben möchte – ich
war schon etwas erstaunt.
Bei Lesungen habe ich viele Gespräche. Ich hatte eine Lesung vor
Schülern, und die hat gar nicht dieses Missbrauchsthema beschäftigt,
sondern der Umgang mit dem Tod: Dass sie nicht mehr wissen, wie man beerdigen
soll, dass man eine Leiche wäscht und einölt, all die Sachen
haben die sehr lange diskutiert. Und dann kommen aber auch die Fragen
von jungen Frauen, ob ich mich befreit fühle, ob ich meinen Vater
doch noch hasse. Aber auch Fragen zur Geschichte: Ältere befragen
mich zu Hamburg und wie das so war im Krieg, woher ich das weiß,
wen ich gefragt habe – sehr unterschiedlich, sehr persönlich
und sehr direkt.
Sie haben einen Teil Ihrer Kindheit auf Barbados verbracht – haben
Sie noch Kontakte dorthin?
Nein. Aber ich wünsche mir, dass man sich auf Barbados über
das Buch freut, denn es macht diese Insel noch mal sehr lebendig. – Jeder
hat ja so einen Traum, mein Traum ist es, mal Ehrenbürgerin von
Barbados zu werden und dort eine kleine Hütte zu haben.
Es ist einfach eine wahnsinnig schöne Insel, und zwar gar nicht,
weil sie besonders exklusiv ist, es gibt bestimmt touristisch tollere
Orte, aber es herrscht dort wirklich ein phantastisches Klima, das berührt
einen richtig, es ist wirklich so sanft, wie ich schreibe. Außerdem
gibt es auf Barbados kaum Armut, selbst im "Ghetto" hat man
einen Vorgarten. Und die Frauen sind da alle ziemlich locker. Eine "Bajan" beispielsweise,
eine Farbige, heiratet in der Regel erst, wenn die Kinder, die sowieso
verschiedene Väter haben, groß sind. Dann dieses sanfte easy
going, das ist nicht dieses vollgekiffte rastafari easy going, sondern
es ist auch eher von den Frauen geprägt.
Wenn man in Hamburg aufgewachsen ist und auf Barbados gelebt hat,
was verschlägt einen ins provinziell angehauchte Köln?
Die Liebe. – Aber da lüge ich ein bisschen, ich habe vorher
in Düsseldorf gelebt und mich da nicht mehr wohl gefühlt und
wollte weg.
Das drucken wir hier ab!
(lacht) Ich habe dort meine ersten Literaturpreise bekommen und fand
es dann aber langweilig. – Ja, Köln ist provinziell, aber
es ist auch das Rheinland. Es stimmt, dass Berlin spannend ist und die
Kunstszene da im Kommen ist, aber es ist halt andererseits mitten in
Deutschland. Und das Rheinland ist eine gewisse Öffnung; ich lebe
gern hier, es ist so unangestrengt. Hier muss ich nicht immer gucken,
ob ich in der richtigen Literaturszene bin, die ist so klein, in Berlin
haben die damit viel mehr Stress.
Ihre aktuelle literarische Arbeit?
Gerade habe ich einen neuen Roman angefangen und recherchiere jetzt.
Es ist ein ganz neues Thema, aber Inhalte verrate ich grundsätzlich
nicht, die müssen geheim sein und in mir wachsen können, die
sind in gewisser Weise heilig. Wenn ich die ausplappere, habe ich Angst,
dass sie sich verflüchtigen. Ich halte sie lieber noch ein bisschen
im Herzen.
Frau Dirks, vielen Dank für das Gespräch.
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